Massenhaft »Möpse« und Ärsche serviert der Bielefelder Boulevard-Medienpartner der NW schon zum Frühstück. Jugendfrei versteht sich. Oder?

Wenn Boulevard billigster Provenienz aus Ost in West Fuß zu fassen versucht. Und es dann doch nur Bielefeld wird. Eine Polemik.

Die Neue Westfälische mit Sitz in Bielefeld hat ein Geschwisterchen bekommen. Es ist ein Boulevard-Blättchen geworden. Blättchen ist eigentlich nicht ganz richtig, denn es wird nicht gedruckt, sondern existiert nur virtuell. Das ist viel billiger und kann auch bei Bedarf schneller wieder entsorgt werden. Das Baby hört auf den Namen TAG24.de und ist offenbar das Ergebnis eines ziemlich wilden Ost-West-Gangbangs. In ihm mischen sich – neutral formuliert – »Inhalte« aus Dresden, Chemnitz, Leipzig oder Thüringen mit solchen aus Ostwestfalen-Lippe. Zumindest auf Facebook werden außer Bielefeld auch Minden und Paderborn mit Pseudo-Nachrichten beglückt.

Ich breche auch gleich ineinander – um mal was Persönliches anzumerken.

Die an der Zeitungszeugung beteiligten Personen waren allem Anschein nach auch nicht mehr ganz nüchtern oder rauchen schlechten Stoff. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man sich das Produkt dieser Vereinigung mal genauer ansieht.

In der »Politik« reicht die Bandbreite von »TRUMP ENTLÄSST MITARBEITER WEGEN VERBREITUNG VON IRREN CLINTON-GERÜCHTEN« bis zu »SCHWANGERE FRAU WÄHREND HOCHZEITSFEIER ERSCHOSSEN«. Ortsmarke: »Indien«. Tolle *politische* Meldung.

»Aus aller Welt« wartet mit Preziosen auf wie »SCHWIEGERTOCHTER GESUCHT: JETZT RASTET AUCH INGOS MUTTER AUS« oder auch »UNFASSBAR! FRAU VERPASST IHREM HUND ZUNGENPIERCING«.

Wer’s mag…

Als wenn das noch nicht genug Grauen auf einmal wäre, wird dann – und hier sind wir endlich wieder in der Region angekommen, als deren führende Zeitung sich die Neue Westfälische versteht – in »Ostwestfalen-Lippe« nachgelegt. Wir lesen dort »EX FUHR AUS RACHE BEIDE KINDER TOT! SO TAPFER KÄMPFT SICH DIE MUTTER DURCHS LEBEN«. Oh, Ortsmarke Dresden? Ist das nicht Sachsen? Haben wir das jetzt eingemeindet? Oder fand sich in OWL nicht schon genug Schwachsinn?

Und ja, DIE SCHREIEN TATSÄCHLICH DAUERND!!
Oder ihre Feststelltaste klemmt.

Gut, versuchen wir mal was anderes und klicken auf »14-JÄHRIGER JUNGE UND FRAU VOR SCHULE ERSTOCHEN«. Moment mal – Kristiansand? Liegt das nicht in Norwegen? Verwirrend. Haben sich über Nacht die Grenzen der Region verschoben, oder werden hier schlicht und einfach Leser mit einem Boulevard-Bastard verarscht, der so gruselig zusammengekloppt ist, dass einem schwindelig wird?

Neuer Versuch in »Ostwestfalen-Lippe«: »HORROR IM ROTLICHTMILIEU! MANN REISST PROSTITUIERTEN FAST DIE ZUNGE RAUS«. Okay, Grammatik können sie also auch nicht (Warum der Plural???). Schwamm drüber. Aber hey, Augustdorf, endlich mal was aus OW-L! 11.213 mal angesehen. Logisch, wer würde da nicht klicken? Ooooch, wie enttäuschend. Die Story entpuppt sich als nur mühsam gepimpter, langweiliger, vor Fehlern strotzender Lokaltext – gähn! – aus dem örtlichen Detmolder Käseblatt.

Wie öde.

Überhaupt geht es da wild durcheinander. Kaum zu ergründen, warum da was in »Politik«, in »Aus aller Welt«, in »Unterhaltung« oder in »Ostwestfalen-Lippe« auftaucht. Unerwartet subtil wird es dann aber interessanterweise, wenn bei den Rubriken zwischen »FUSSBALL« und »SPORT« unterschieden wird.

Bemerkenswert: Sie haben sogar eine neue Ortsmarke bzw. Spitzmarke erfunden: »Netz«. Kicher.

Hm, Fragen über Fragen…

Die wahren journalistischen Perlen aber finden sich in der Rubrik »SEX & EROTIK« des unter dem Dach der Neuen Westfälischen an der Niedernstraße 21-27 in 33602 Bielefeld produzierten Machwerks. Kinder müssen jetzt bitte mal wegschauen.1)Ich habe vorsichtshalber die komplette Site extern gespiegelt – auch als abschreckendes Beispiel für kommende Journalisten-Generationen.

Übrigens: Wer da was »Erotisches« findet – Glückwunsch! Der meint dann aber vielleicht auch, dass Maggi zur Haute Cuisine gehört.

Da kriegt es der staunende OWL-Mediennutzer so richtig von vorn und hinten besorgt. Neben allerlei softpornografischen Wichsvorlagen – Motto: pralle Ärsche, dicke Titten, kleine Nippelspoiler, verschämtes Döschen vors Möschen ohne Höschen, Bananen-Blowjob – finden sich epochale Texte wie »GIFT-VOODOO? LIEBHABER BLEIBT EWIG IN FRAU STECKEN« – hat angeblich irgendwo in Afrika stattgefunden – und weiteres derselben Güte.

»SO WILL KATJA KRASAVICE IHRE FANS VERFÜHREN«.  Lesen Sie mehr: »DIESE BEIDEN KRIEGEN DEN MUND NICHT VOLL.« Hohohoho! Und die »Leipzigerin« sagt: »Es wird noch so viel KOMMEN.«

Ja, das fürchte ich auch.

Ich bin ja nicht ganz sicher, dass der im Allgemeinen eher wertkonservative OWL-Regionalzeitungsleser goutiert, was seine »NW« beziehungsweise deren putziges Mediengeschwisterchen »TAG24 OWL GmbH iG« beziehungsweise deren gemeinsame Mutter DDVG beziehungsweise deren Oma alias SPD da so treibt.

Ich glaube, ehrlich gesagt, auch nicht, dass tag24.de und deren diverse Furunkel jemals das Lieblingsorgan zum Beispiel der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen werden. Da müsste sich deren Frauenbild schon sehr gewandelt haben.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass der politische Gegner der SPD in Ostwestfalen und Lippe diese medienpolitische Steilvorlage im Wahlkampf zu nutzen versteht. Falls es ihm einer nahelegt. So ganz blöd sind die Mitbewerber ja auch nicht. Könnte ja sein.

(Note to self: Aktuelle NW-Auflagenzahlen bei der IVW checken. Eilt jedoch nicht. Geht sicher stetig und verlässlich bergab.)

Aber möglicherweise ist das alles ja auch die goldene Zukunft der Regionalzeitung. Wer weiß? Hier wird vielleicht nur schon mal ein wenig geübt, wie das maximal übelste Clickbaiting und Boulevard der denkbar billigsten Sorte in der Provinz geht.

Man darf das zum Kotzen finden, denke ich. Wer sich »journalistisch« an der Verrohung und Verdummung unserer Gesellschaft beteiligen will, muss das genauso machen wie die Veranwortlichen hinter tag24.de und deren Wurmfortsätzen bei Facebook – also letztlich die SPD.

Ich glaube nicht, dass mir in meinen mehr als 30 Jahren in der Branche jemals was Scheußlicheres, Erbärmlicheres  untergekommen ist. Abgesehen vielleicht von wirklich üblen Nazi-Blättchen und manchen total durchgeknallten Sachen auf rotten.com.

Die Stellenanzeige der Neuen Westfälischen für tag24 vor vier Monaten bei indeed.com.

Was das Ganze inhaltlich mit Ostwestfalen-Lippe zu tun hat? Man weiß es nicht so genau. Sicher ist, dass tag24.de das alte MoPo24.de der Dresdner Morgenpost ist. Und dass Bielefeld die bisher einzige Forward Operation Base (FOB) der Boulevardschreiber aus Dresden ist. Die Domain tag24.de gehört der DDV Mediengruppe GmbH & Co. KG in Dresden. Die arbeitet eng mit der Neuen Westfälischen zusammen, die wiederum seit Juni 2016 100prozentig der DDVG 2)https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Druck-_und_Verlagsgesellschaftgehört, die wiederum die Medienholding der SPD ist. Die DDVG wiederum ist auch einer der Gesellschafter der DDV-Mediengruppe. Da schließt sich der Kreis.

Aber Moment mal, kleine Überlegung am Rande – Vielleicht soll ja tag24.de/OWL im kommenden Bundestagswahlkampf virtuell die Rolle der einstigen »Zeitung am Sonntag« übernehmen. Falls diese Idee den Sozis noch gar nicht gekommen war, dürfen sie mir gerne ein Honorar für diesen brillanten Vorschlag zahlen.

Mit der boulevardmäßig aufgemachten ZAS ging die SPD früher in Wahlkämpfen auf Stimmenfang.3)Ich weiß sehr genau, wovon ich rede. War nur ungleich mühsamer, da die ZAS für teuer Geld produziert und gedruckt wurde (u.a. in der NW-Druckerei in Sennestadt) und viele fleißige Genossen sie auch noch austragen mussten – wofür sich heutzutage keiner mehr findet. Da ließen sich mehr oder weniger echte Nachrichten mit politischen Botschaften mehr oder weniger subliminal verweben und zum Beispiel Kandidaten präsentieren.

Nun ja, sonderlich subtil geht tag24/OWL nicht vor. Kann man nicht behaupten. Das ist eher Brechstange, wenn auch bisher ohne erkennbare »politische« Message. Kommt vielleicht noch.

Laut »Flurfunk«, Medienblog aus Dresden, wurden – aktuell offenbar nicht mehr – für die »Operation OWL« Content Marketing Manager und Online-Redakteure gesucht. Und zwar so: »TAG24 ist das neue Onlineportal in Ostwestfalen. Bunt, laut und schnell – Nachrichten vor der Haustür und aus der ganzen Welt, das ist unsere Stärke. Wir werden mit unseren Geschichten Millionen von Menschen erreichen und stellen dafür jetzt ein Team in Bielefeld zusammen – und Du kannst von Anfang an dabei sein!«

Genial, dieser geile Startup-Sprech (brech!). Die haben bestimmt auch einen fetten Kicker auf dem Flur.

Ausschreibender Arbeitgeber bei den Stellenanzeigen war dem »Flurfunk« zufolge allerdings »nicht die DDV-Mediengruppe aus Dresden (das Mutterhaus von »Mopo« und Mopo24), sondern der Zeitungsverlag Neue Westfälische GmbH & Co. KG.«.

Bunt und laut isses. Kann man nicht bestreiten.

Auf Facebook definiert sich tag24 als »Dein neuer Infotainment-Kanal für News aus Bielefeld, Herford, Gütersloh, Ostwestfalen, Deutschland und der Welt.«

Man duzt sich halt im Netz, ne, Alter?

Das Impressum dort sieht im wesentlichen so aus wie der OWL-relevante Teil des Impressums bei tag24.de.

Am Rande gefragt: Tarif? Gibt es da eigentlich einen Betriebsrat? Was sagen die Gewerkschaften DJU und DJV? SPD OWL – gibt’s die noch??

Was »News«, also Nachrichten, sind, darüber gehen ja heutzutage die Meinungen weit auseinander. Allein das wäre ein abendfüllendes Thema.

Mit dem Boulevard als »Fach« ist das journalistisch so eine Sache. Man muss das nicht mögen. Gut gemacht sollte er aber schon sein. Guter Boulevardjournalisumus ist nicht einfach. Und billig auch nicht. Da braucht es gute Schreiber. Wenigstens ein paar Edelfedern.

Gute Boulevardjournalisten hocken auch nicht auf ihrem breiten Arsch am Schreibtisch in irgendeinem vermeintlichen Oberzentrum und aggregieren, was sie irgendwo im Netz oder im eigenen Lokalteil zusammenschnorren, und machen das dann halbverdaut unter sich. Sie gehen raus, sind nah bei den Menschen.

Da reicht es nicht, über kaum verhüllte Lokalberichte aus dem Bünder Jugendhilfeauschuss eine gehottete Zeile zu nageln. So arbeiten nur Möchtegern-Chefredakteure bzw. deren Stellvertreter in der OWL-Provinz.

Video ham’ se auch. Nicht verpassen… Bewegt und in Farbe. »Und hey, das ist die ganze Geschichte.« LOL.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=-5GYZeSjBxs

Zumindest auf Facebook ist dieser – harmlos formuliert – grandiose Quark auch schon in den Norden von OWL geschwappt. Unter Tag24 Minden (!) wird der etwa der Hintern von #MissBumBum aus Brasilien (!) ins Netz gehoben. In einem angeblich lokalen Portal wohlgemerkt. Geht’s noch platter, dämlicher, hirnverbrannter?

Auf tag24 »Paderborn«, das es ebenfalls gibt, sieht das dann so aus.

Demnach sollen es die biederen Domstädter wohl den angeblich pornogeilen Sachsen nachtun. »Habt Ihr es auch schon getestet?«, fragt da die Redaktion von tag24. Aufruf zum Konsum von Virtual-Reality-Pornos? Ernsthaft? Das muss man sich mal ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen. Reichlich Anschauungsmaterial liefert die unter dem Dach der SPD-Zeitung NW produzierten »Nachrichtenseite« tag24.de ja mit.

Wenn das der Bischof wüsste …

Langsam macht sich Fassungslosigkeit breit. Massives Fremdschämen auch, wenn ich die Namen derer sehe, die diesen unsäglichen Murks bei Facebook geliked haben. Blankes Entsetzen.

Positiv ist immerhin eines festzuhalten. Die »NW« kann nun auf www.tag24.de/ostwestfalen verbraten lassen, was selbst für ihre eigene an sich schon unsägliche Kolumne »Schwarz-Weiß« zu blöde, zu banal oder zu obszön wäre.4)Und nur um das klarzustellen: Das Wort „Lügenpresse“ ist in diesem Text an keiner Stelle verwendet worden. ;)

Wenn das dann immer noch nicht reicht – Bannons Breitbart will doch nach Europa expandieren. Könnte doch eine »NW«-Tochter übernehmen. Da geht bestimmt was. So perspektivisch gesehen.

Was die Macher von tag24 so unter »Politik« verstehen.

Anmerkungen   [ + ]

1. Ich habe vorsichtshalber die komplette Site extern gespiegelt – auch als abschreckendes Beispiel für kommende Journalisten-Generationen.
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Druck-_und_Verlagsgesellschaft
3. Ich weiß sehr genau, wovon ich rede.
4. Und nur um das klarzustellen: Das Wort „Lügenpresse“ ist in diesem Text an keiner Stelle verwendet worden. ;)